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Buchtipp
Deutsche Pleiten
Manager im Größenwahn
von Erwin K. und Ute Scheuch
Bemerkenswert viele Autoren haben schon immer alles
gewusst. Paulina Borsook rechnet mit der "Schönen neuen
Cyberwelt" ab, die Französin Viviane Forrester geißelt "Die
Diktatur des Profits" und die Globalisierung. Günter Ogger
schiebt seinem Erfolgstitel "Nieten in Nadelstreifen" die
"Macher im Machtrausch" hinterher, und das Kölner
Ehepaar Erwin und Ute Scheuch ist auch nicht faul: Nach
den "Bürokraten in den Chefetagen" und der "Spendenkrise"
sind nun die "Deutschen Pleiten" dran, und der Untertitel
verrät auch sofort die zentrale These: In der Wirtschaft geht
es mitnichten immer nur rational zu, und gelegentlich neigen
Manager eben zu Grössenwahn - mit katastrophalen Folgen.
Panorama wirtschaftlicher Fehlleistungen
Auf gut 400 Seiten, gespickt mit 683 Fussnoten, breiten der
emeritierte Soziologieprofessor und seine Frau ein Panorama
wirtschaftlicher Fehlleistungen in Deutschland aus, von
Borgward über Herstatt, die Neue Heimat, Schneider,
Balsam, die Bremer Vulkanwerft, Flowtex,
Metallgesellschaft, Philip Holzmann bis zur gescheiterten
Fusion zwischen Dresdner und Deutscher Bank.
Man kann das Buch auf dreierlei Arten lesen: Erstens als
eine kurze Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik
Deutschland von der Währungsreform mit gelegentlichen
Rückgriffen auf die Vorkriegszeit über die
Wiedervereinigung bis zum Absturz des Neuen Marktes.
Oder man kann es lesen als Ansammlung von Klatsch- und
Krimigeschichten, denn natürlich geht es um Eitelkeiten und
Machtgelüste, um Egomanie, um Fehleinschätzungen bis hin
zu krimineller Energie der handelnden Personen. Bis dahin
ist das Buch eine reine Fleissarbeitdank diverser
Zeitungsarchive. Drittens aber kann man dieses Buch als
Versuch ansehen - und da kommt das Soziologenehepaar
durch - die gesellschaftlichen Systemvoraussetzungen des
individuellen Scheiterns zu beleuchten.
Persönliche Netzwerke der Manager
Und davon gibt es eine Menge. Angefangen von der falschen
Vorstellung, der Homo Oeconomicus handele immer
rational, bis hin zu spezifisch deutschen Gegebenheiten, dem
Korporatismus, der gegenseitigen Abhängigkeit und
Verflochtenheit, der persönlichen Netzwerke deutscher
Manager, die gelegentlich dazu dienen, den Schaden so
lange zu vertuschen, bis der Karren richtig im Dreck steckt -
es ließe sich noch vieles anfügen. Ohne Gegensteuern gegen
das Machtstreben von Personen sei eine freie Wirtschaft als
Wettbewerbsordnung im Dienste des Gemeinwohls nicht
überlebensfähig, warnen die Autoren zum Schluss. Kurz: Es
müsse eine neue Ordnungspolitik her. Doch wie die
aussehen könnte, diese Frage beantworten die Autoren leider
nicht - noch nicht einmal als skizzenhaften Entwurf.
Trotzdem ein sehr lesbares, unterhaltsames und lehrreiches
Buch.
Rolf Wenkel
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