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Deutsche Stammtische im Zeitalter der Globalisierung

Mehr Zuwanderung oder nicht? Mehr Integration von Ausländern oder mehr multikulturelle Gesellschaft? In den vergangenen Jahren spaltete die Diskussion über die Einwanderung nach Deutschland die Nation. Oft standen dabei die wirtschaftlichen Vor- oder Nachteile der Zuwanderung im Mittelpunkt. Das kann nicht alles sein, meint Rolf Wenkel in seinem Kommentar.

In Deutschland gibt es eine Institution, die Ausländern schwer zu erklären ist: Den Stammtisch. In fast jedem alt eingesessenen Gasthaus einer Gemeinde ist ein Tisch für deren Funktions- und Würdenträger und die örtlichen Gewerbetreibenden reserviert. Man setzt sich zusammen, handelt Geschäfte aus, klatscht und tratscht, betreibt Lokalpolitik. Und je weiter der Abend fortschreitet, desto freier wird die Rede - alkoholbedingt, und dank der Tatsache, dass man schwadronieren kann, ohne seine Theorien durch Fakten belegen zu müssen.

Man sollte diese typisch deutsche Institution nicht unterschätzen - sie ist oft meinungs- und klimabildend - nicht nur für die Gemeinden, sondern auch für das, was man gemeinhin als "die Stimmung im Lande" bezeichnet. Und oft genug ist dort zu hören, dass uns die Ausländer "auf der Tasche liegen", womit der Stammtischbruder vermutlich meint, Ausländer würden das deutsche System der sozialen Sicherung ausnutzen. Man müsse deshalb ihren Zuzug begrenzen. Auch Politiker nutzen diese fremdenfeindliche Stimmung bisweilen gerne aus, um Wählerstimmen einzusammeln, ohne sich um Fakten kümmern zu müssen.

Dem deutschen Intellektuellen ist der Stammtisch zuwider. Nicht, dass er ein Feind des Alkohols wäre - er wird nur schnell müde, diesen fremdenfeindlichen Parolen mit Fakten entgegen zu treten. Denn für ihn liegen sie auf der Hand: Jeder elfte Einwohner in Deutschland hat einen ausländischen Pass. Diese Quote ist seit Jahren konstant. Es gibt keine "Ausländerschwemme". Die Erwerbstätigenquote der ausländischen Mitbürger unterscheidet sich durch nichts von derjenigen der deutschen Bevölkerung.

Sie stützen durch ihre Beitragsleistungen das System der deutschen Sozialversicherung. Sie gründen Unternehmen, knapp 30.000 sind es. Jeder Gründer schafft damit statistisch gesehen 5,4 neue Arbeitsplätze. 40 Prozent davon werden von Deutschen dankbar angenommen. Sie überweisen immer weniger Geld ins Ausland. Sie investieren Milliarden in Deutschland, über ihre Kaufkraft freuen sich die Einzelhandelskonzerne. Und so weiter.

Dem deutschen Intellektuellen ist diese Aufzählung ökonomischer Realitäten auch deshalb zuwider, weil er sich Gedanken macht, die jenseits des Begriffsvermögens deutscher Stammtischbrüder liegen. Er ist in einem Zwiespalt. Um die dumpfesten Übergriffe deutscher Xenophobie einzudämmen, muss er einerseits das Bild des "rentablen" Ausländers zeichnen. Das fällt ihm leicht. Denn die Fakten stimmen. Andererseits spürt er, dass die Unterscheidung von so genannten guten und schlechten Ausländern, gemessen am ökonomischen Nutzen, nicht alles sein kann. Man kann und darf eigentlich diese fatale Unterscheidung in nützliche und unnütze Ausländer nicht treffen. Sie zerstört die Basis unseres zivilisatorischen Zusammenlebens.

Wer die ausländischen Mitbürger auf ihre ökonomische Nützlichkeit reduziert, sie als bloße Rentenzahler betrachtet und froh ist, dass sie die schiefe deutsche Alterspyramide korrigieren, der braucht sich nicht zu wundern, dass sie sich in Deutschland nicht wohl fühlen. Wer glaubt, von der GreenCard und der rein technisch- ökonomischen Globalisierung der Welt profitieren zu können, ohne sich den Herausforderungen einer multiethischen Gesellschaft in Deutschland stellen zu müssen, der braucht sich nicht über die kulturelle Abschottung von Ausländern wundern. Wer als deutscher Politiker Integrationswilligkeit von ausländischen Mitbürgern fordert und glaubt, seine Wähler schuldeten im Gegenzug ihren ausländischen Mitbürgern keinerlei Offenheit und Toleranz, der hat nichts begriffen.

Ein Beispiel gefällig? "Wer Vorbehalte gegen die Gleichstellung der Frau hat, ist hier nicht erwünscht", schreibt die Münchener CSU in einem Thesenpapier zur Ausländerpolitik. Frage: Wie viele Deutsche müssten damit des Landes verwiesen werden? Vermutlich mehr als die gut sieben Millionen ausländischen Mitbürger in Deutschland.


Rolf Wenkel
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