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Buchtipp
Gegen den Mainstream
Zwei Bücher, die mit der Wirtschaftspolitik der letzten 30 Jahre abrechnen
Gustav A. Horn: Die deutsche Krankheit - Sparwut und Sozialabbau.
Thesen gegen eine verfehlte Wirtschaftspolitik. Hanser-Verlag, 197
Seiten.
Ein Buch für Hardcore-Volkswirte - auch wenn das Cover gefällig
aufgemacht ist und der Text auf der Rückseite sehr populistisch
daherkommt: “Mit immer den gleichen Rezepten versuchen Politiker und
Ökonomen seit Jahren den Aufschwung herbeizuzaubern: Kündigungsschutz
lockern - Löhne runter - Sparen auf Teufel komm raus. Dass diese
Rezepte nicht funktionieren, stört sie nicht.”
“Mutig”, so der Klappentext, bezieht der Konjunkturexperte Gustav A. Horn Position gegen die
herrschende Meinung und fordert zum Umsteuern auf: weg von einer
verfehlten und antisozialen Sparpolitik, hin zu einer Geld- und
Konjunkturpolitik mit Augenmaß, die echte Wachstumsimpulse geben und zu
dauerhaft mehr Beschäftigung führen könne, heißt es im Klappentext
weiter. Das ist ja noch zu verstehen. Doch wer sich durch das Buch
kämpfen will, muss viel Ausdauer mitbringen. Es ist sehr dröge
geschrieben und mit Zahlen, Tabellen und Grafiken überladen. “Ich
wollte auch keinen Bestseller schreiben, das Buch ist mehr für die
Profession gedacht”, sagt Horn. Will heißen: für seine Berufskollegen,
die in der Mehrheit Verfechter der Angebotstheorie sind und nicht, wie
er, ein Nachfragetheoretiker. Was das ist? “Wenn die Menschen mehr
kaufen sollen, brauchen sie mehr Geld”, sagt Horn. Das ist die
Nachfragetheorie in einem klaren und verständlichen Satz. Ach, wenn
doch alle Sätze in diesem Buch so verständlich wären!
Rudolf
Hickel: Kassensturz. Sieben Gründe für eine
andere Wirtschaftspolitik. Rohwolt Sachbuch, 255 Seiten, 14,90 Euro.
Eine gewisse Seelenverwandtschaft zu Gustav A. Horn lässt sich nicht
verleugnen: Beide Autoren erklären die angebotsorientierte, neoliberale
Wirtschaftspolitik, die den Unternhmern Zucker in den Arsch bläst und
den Arbeitnehmern Verzicht predigt, für gescheitert. Aber welch ein
Unterschied zu Gustav A. Horns Deutscher Krankheit (s.o.): dieses Buch
ist wirklich lesbar! So klar und verständlich geschrieben, dass selbst
Politiker begreifen müssten, was sie seit 30 Jahren falsch machen.
Eine
Kostprobe? “Fast alle wichtigen Parteien, die meisten
Wirtschaftswissenschaftler, Unternehmen und Verbände, der Großteil der
Medien - sie alle stimmen in den großen Gesang ein, der das heißt:
Verzichtet, so wird euch gegeben, die Letzten werden die Ersten sein.
In der Ära Schmidt wurde das Libretto geschrieben, in der Ära Kohl war
die Uraufführung, in der Ära Schröder wurde das Stück mit
wagnerianischer Wucht neu inszeniert, und Frau Merkels Große Koalition
werkelt gerade an der Fassung für die neue Spielzeit. Man sollte das
Stück endlich absetzen.”
Und dafür liefert Hickel gute Argumente. Schade nur,
dass die Politik vermutlich nicht auf ihn hören wird. Denn Hickel hat
sein Label als Außenseiter längst weg: Er ist Direktor des Instituts
für Arbeit und Wirtschaft in Bremen und Mitautor des jährlichen
Alternativen Wirtschaftsberichts - er gilt mithin als Außenseiter.
Genauso wie Gustav Horn. Der war bis vor zwei Jahren Leiter der
Konjunkturabteilung beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in
Berlin, bis er dort wegen seiner nachfrageorientierten Überzeugungen
herausgeekelt wurde. Dafür hat ihm der Deutsche Gewerkschaftsbund in
Düsseldorf ein eigenes Institut eingerichtet: Das Institut für
Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung. Mithin
hat auch Horn sein Label weg: “Das ist doch das Sprachrohr der
Gewerkschaften.”
Und beide kämpfen wie Don Qichotte gegen eine
Lehrmeinung, die längst zur unangreifbaren Ideologie mutiert ist. Hält
man nämlich Neoliberalen vor, dass ihre Rezepte nicht zum Erfolg,
sondern zu mehr Schulden und mehr Arbeitslosigkeit geführt haben,
bekommt man selbstverständlich zur Antwort, das läge nur daran, dass
die Politik die neoliberalen Rezepte nicht konsequent genug
durchgesetzt habe. Deshalb: Noch mehr Löhne runter, noch mehr
Arbeitszeit ohne Lohnausgleich, noch weniger Steuern für Unternehmen,
noch weniger Kündigungsschutz.
Eine sich selbst immunisierende Tautologie nennt
Hickel diese iderologischen Glaubenssätze der Neoliberalen - und da ist
man scheinbar machtlos. Aber wer weiß - vielleicht erleben die Lehren
eines John Manyard Keynes mal eine Renaissance. Von 1950 bis 1974 hat
das jedenfalls sehr gut funktioniert. Da ist der Staat, wenn’s
kriselte, als starker, selbstbewusster Nachfrager aufgetreten und hat
der schwächelnden Konjunktur expansive Impulse gegeben. Aber damals gab
es ja auch noch nicht die idiotischen Maastricht-Kriterien…
Rolf Wenkel
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